Die Behinderung als Feind - Beitrag zur
Krankengymnastik
KG-Intern
6/2001
Zeitschrift der Physiotherapie in Deutschland
Behinderung als Feind
- Krankengymnastik als Aufrüstung gegen den Feind –
von Lothar Sandfort, Trebel
"Meine Krankheit ist wie ein mächtiger Baum, " antwortet mir Jens, "ein Baum der
mich zur Ruhe kommen lässt. Unter ihm kann ich mich besinnen. Ergibt mir Halt,
einen Mittelpunkt der Welt. Es ist nicht immer angenehm unter ihm. Manchmal ist
es kalt und ich leide. Aber ich weiß, nach dem Winter kommt der Frühling. "
Als ich auch Vera bitte, ihrer Krankheit eine Gestalt zu geben, fällt ihr
spontan ihr Hauskater ein. Ein dickes, mächtiges Tier. Eigensinnig sei er. Um
mit ihm auszukommen, müsse man ihn verstehen, wissen, was er gerade braucht.
Eines könne er gar nicht vertragen, nicht beachtet zu werden. Dann fauche und
kratze er beim kleinsten Anlass. Am schönsten sei es, mit ihm gemütlich zu
kuscheln.
Vera und Jens* sind chronisch krank, das unterscheidet sie von anderen
Patienten, die ein aktuelles Leiden geheilt haben wollen und das zumeist auch
schaffen. Eigentlich sind die beiden auch keine Patienten mehr. Die Identität
eines Patienten ist geprägt von seinem Leiden. Das sagt schon die etymologische
Bedeutung des Wortes: "erdulden, leiden". Vera und Jens leben mit ihrer
Krankheit. Sie haben sich mit ihr versöhnt. Das Leiden bestimmt nicht mehr all
ihr Erleben und all ihre Beziehungen zu anderen Menschen. Die Erkrankung ist ein
Teil ihres Lebens, aber nicht der alles dominierende. Sie sind geheilte,
chronische kranke Menschen.
Das KG-Geheimnis
Das Geheimnis einer hilfreichen KG-Tätigkeit liegt - auf der Basis einer
fundierten Fachlichkeit - in der Beziehung zum Patienten. Die Einstellung der
Physiotherapeutinnen und -therapeuten zu den Menschen, die sie behandeln, birgt
die Zauberkraft. Behandlung und Beratung sind unweigerlich miteinander
verbunden. Die Beratung geht im günstigen Falle über die physiotherapeutische
hinaus. Es entsteht ein Beziehung, die die Persönlichkeit eines Menschen stärken
oder schwächen kann, motiviert oder deprimiert, aktiviert oder lähmt. Heilung
ist ein Prozess, dessen Erfolg zuletzt nie ganz seine Herkunft wird nennen
können. Heilung hat nie nur eine Heimat. Behandlung des Körpers und Beratung der
Seele sind gleichberechtigte, untrennbare Teile jeder therapeutischen Kultur.
Dort wo die körperliche Ursache für ein Leiden nicht beseitigt werden kann, ist
es gut, die Einstellung zur Ursache zu verändern. Manchmal ist es auch nur die
Einstellung zu einem bestimmten körperlichen Phänomen, die das Leiden an ihm
erzeugt. Heilung geschieht deshalb oft durch eine Änderung der Einstellung.
Bilden wir uns eine neue Welt
Unter den Erkenntnistheorien setzt sich mehr und mehr die Auffassung durch, dass
es ein wahres Sein, eine objektive, von unseren Wahrnehmungsweisen unabhängige
Welt nicht gibt. Alle Dinge würden erst durch unsere Wahrnehmung zu solchen und
ohne unsere Aufmerksamkeit lösten sie sich in Bedeutungslosigkeit auf.
Konstruktivismus, so nennt sich diese Theorie über das Erkennen von Welt, ist
selbst nur solange wahr, wie wir ihm als Weltanschauung Beachtung schenken.
Ich finde den Konstruktivismus hilfreich und werbe darum, ihn mal auszudenken:
Wenn es uns stimmig erscheint, dass wir ? aus dem Kontext unserer Erfahrungen,
gelernten Normen, Regeln, Moralvorstellungen, Gewohnheiten und existenziellen
Bedürfnisse ? unsere Welt in jedem Moment unseres Lebens neu konstruieren, dann
haben wir die Macht, auch einmal etwas Anderes zu kreieren. Die Ausübung dieser
Macht ist zwar stark eingeschränkt durch die Starrheit einmal entwickelter
seelischer Systeme, aber dennoch umsetzbar.
Versuchen wir es mit der Einstellung zu einem bestimmten körperlichen Phänomen.
Behinderung als Feind individuell und kulturell
Ich zum Beispiel bin nun bald drei Jahrzehnte querschnittgelähmt. Meine
Behinderung lernte ich kennen als Feind. Der gesamte Rehabilitations-Apparat
lehrte mich, gegen sie zu kämpfen. Tatsächlich erschien sie mir als Vernichtung
jeglicher Freude, fast wie das Ende des Lebens. Ich bemühte mich sie zu
überwinden, zu beseitigen. Ich hasste sie.
Relativ schnell wurde mir jedoch klar, dass ich sie nicht mehr los werden würde.
Meine soziale Umgebung gab mir zu verstehen, dass ich nun eine neue soziale
Identität hatte. Man nannte mich einen Behinderten und behandelte mich gemäß
dieser gesellschaftlichen Rolle.
Glücklicherweise gelang es mir, nicht meiner Behinderung die Schuld für die
Ausgrenzung zu geben. Ich fragte mich, warum Menschen aufgrund meiner
körperlichen Einschränkung verunsichert und entwertend reagieren. Ich begriff,
dass meine Erscheinung bei vielen Menschen etwas belebt, was sie mühsam
verdrängt halten müssen: das Wissen um die Verletzlichkeit eigener
Lebensentwürfe.
Hilfreich war mir das Studium des Funktionierens von Seele und Kultur. Das
psychische Gefüge, vereinfachend "Seele" genannt, folgt dem göttlichen Prinzip,
das allem Leben innewohnt: Überlebe! Dem folgt ein Nachsatz: So gut wie möglich!
Es gehört zu ihren Grundaufgaben, die Existenz des jeweiligen Individuums zu
sichern. Die Phantasie und kreative Begabung der Seele bei der Bewältigung ihrer
Aufgaben fasziniert mich immer wieder auf 's Neue. Kunstfertig schafft sie in
Krisen sinnvoll eingeschränkte Wahrnehmungswelten (Neurosen) und - wenn es nötig
ist - gar noch konsequentere, genial konstruierte Wirklichkeiten, die Psychosen.
Leben, einmal begonnen, will überleben! Die jüdisch/christliche Kultur
projiziert diese archetypische Erfahrung in das Bild vom eingehauchten
göttlichen Odem und mahnt die Kultur, Leben zu schützen, mit dem Gebot: "Du
sollst nicht töten!".
Das Feindbild: Lepros
Das sich stets entwickelnde Individuum gelangt zu seiner Identität durch seine
Verwicklungen innerhalb einer Gruppenidentität. Die Erfahrung eigener Gleichheit
und Kontinuität in der Zeit macht nach E.H. Erikson die "Ich-Identität" aus,
verbunden mit der Erfahrung, dass auch andere die Gleichheit und Kontinuität
erkennen und spiegeln. Die Organisation von Erfahrungen des Einzelnen ist somit
geprägt von der Organisationsweise der Gruppe. Dabei beschreibt Erikson
Leitbilder wirksam: "Das Ich versucht während seiner Bemühungen um Synthese, das
mächtigste Ideal und das stärkste negative Leitbild (dem ähnlich zu sein das Ich
am meisten fürchtete) in sich aufzunehmen und mit ihnen die ganze Bilderwelt von
Gut und Böse, Überlegenheit und Unterlegenheit, männlich und weiblich,
freigeboren und Sklave, potent und impotent, schön und hässlich, rasch und
langsam, groß und klein in einfache Alternativen aufzuteilen, um die
verwirrenden Einzelfehden in einer großen Schlacht und nach einem strategischen
Plan zum Austrag zu bringen."
Was Erikson als positives und negatives Leitbild ausdrückt, nenne ich "Heros"
und "Lepros".
Einige zentrale, den Leitbildern zugehörige Eigenschaften habe ich aufgeführt.

Dem Heros die Achtung, Verachtung dem Lepros!
Alle Menschen in jeder Kultur bemühen sich dem Heros nahe zu sein, um maximale
Anerkennung zu bekommen. Anerkennung dient nicht nur dazu, das Leben so angenehm
wie möglich zu gestalten, ein gewisses Maß an Anerkennung braucht die Seele als
Versicherung, den Überlebensauftrag zu erfüllen.
Verachtung - als Gegenpol zur Anerkennung - bedeutet ihr die Gefahr, aus der
Gemeinschaft ausgestoßen zu werden. Noch archaischen Gesetzen folgend, setzt die
Seele dies mit dem sicheren Tod gleich. Tatsächlich geraten Menschen auch heute
noch mit zunehmender Abweichung vom Idealbild unter Aussonderungsdruck. Das gilt
nicht nur für Behinderte.
Das Idealbild schränkt alle Menschen ein, lässt viele an ihrer individuellen
Abweichung leiden und wird doch insgesamt immer wieder unterstützt. Heroen geben
in der Organisation von Erleben und Gestalten einer Kultur Orientierung. Der
einzelne Mensch weiß durch das Idealbild, was gefordert wird, um maximale
Anerkennung, also Sicherheit und Wohlstand zu bekommen. Welche
Ideal-Eigenschaften besonders wichtig sind und welche Abweichung vom Ideal noch
als normal akzeptiert werden, das wird in jeder Kultur in historischer
Entwicklung ausgehandelt. Die Kultur huldigt dem Ideal in einer Reihe von
Anerkennungen. Menschen, die eine oder mehrere Ideal-Eigenschaften
repräsentieren, erhalten z.B. allein hierfür materielle Gegenwerte (Boris
Becker, Claudia Schiffer u.ä.).
Behinderte repräsentieren nicht nur das Gegenbild, sondern erinnern zusätzlich
an die Verletzlichkeit der menschlichen Lebensgestaltung. In dem Bestreben in
Richtung Heros will niemand erinnert werden, dass die erreichten Erfolge schon
im nächsten Moment zunichte sein können. Tod und Behinderung bedrohen
Zukunftsphantasien von einem Leben in immer mehr Sicherheit und Anerkennung.
Beide Phänomene sind gleichermaßen verdrängt und die Menschen, die sie
repräsentieren, ausgesondert.
Es gibt also mit zunehmender Abweichung vom Idealbild eine Zunahme an
Aussonderungsdruck. Allerdings verlaufen die Zuordnungen nicht linear und
parallel, sondern in Sprüngen. Bei einer bestimmten, wahrnehmbar werdenden
Abweichung, wird eine "Behinderung" festgestellt, und eine Menge erheblicher
negativer Sanktionen werden wirksam. Der Aussonderungsdruck nimmt sprunghaft zu
und Ausweisung aus der Gemeinschaft findet tatsächlich statt.
Behinderung entsteht also, sie ist nicht angeboren. Die emanzipatorische
Behindertenbewegung hat eine eigene Definition verfasst: Behinderung entsteht
aus der trennenden, absondernden und abwertenden sozialen Reaktion
(Diskriminierung) auf die dauerhafte körperliche, geistige oder seelische
Einschränkung eines Menschen. Sie bestimmt die Identität dieses Menschen im
kommunizierenden Prozess von Selbst? und Fremddefinition .
Auf eine gegebene Einschränkung folgt die gesellschaftliche Bewertung: Zu starke
Abweichung = Behinderung = Leiden = Lepros = der Feind. Die Fremddefinition
"behindert" ist absolut bedrohlich und jeder von Behinderung betroffene Mensch,
ob unmittelbar oder (z.B. als Eltern) mittelbar betroffen, versucht dem Lepros
zu entgehen.
Versöhnungswahrnehmung
Wenn aber Behinderung erst entsteht durch die gesellschaftliche Reaktion auf
eine Einschränkung, könnte doch auch die Diskriminierung als Gegner betrachtet
werden, als feindliche Handlung, nicht die Einschränkung. Das geht.
Natürlich ist eine Querschnittlähmung, wie meine, nicht schön. Aber ich habe sie
nun einmal. Ich kämpfe mit ihr um ihr Ausmaß, aber ich kämpfe nicht mehr gegen
sie. Sie hat sich mich ausgesucht, und ich nehme sie an. Wie soll ich auch damit
leben können, eine wichtige Eigenschaft meiner Identität für immer als Feind zu
hassen? Wie schnell hasse ich mich dann selbst? Für mich war es besser zu sehen,
was meine Querschnittlähmung auch für mich tut. Ich habe durchaus menschliche
Züge an ihr entdeckt und konnte mich mit ihr versöhnen.
In meiner Beratungsstelle trauen sich viele Behinderte erstmals neue
Wahrnehmungen. So ist es möglich zu sehen, wie eine Behinderung den Zusammenhalt
einer Familie stärkt. Es ist möglich, ihr dankbar dafür zu sein.
Eine Mutter versteht, warum sie so leicht mit den schweren Einschränkungen ihrer
Tochter fertig wird. Sie erkennt, wie sie durch ihr Schicksal die eigene heiß
geliebte Mutter wieder holen kann, die als starke Frau das Kriegsdrama trotz
aller Tragödien dennoch mit Lust durchlebte.
Es ist möglich, Schmerzen als einzige Möglichkeit zu verstehen, um in einer
extrem leistungsorientierten Familie, zur notwendigen Ruhe zu kommen. So kann
man Schmerzen als hilfreich erleben und ihr Erscheinen begrüßen.
Es ist möglich, Schmerz als Ratgeber zu entdecken und sich nicht zu überfordern.
Das alte Feindbild ist zerstört.
Meinem Selbstbewusstsein hat es sehr geholfen, mich mit meiner Behinderung zu
verbünden und mit ihr ein neues lustvolles Leben auszubauen. Wir beide beachten
unsere unterschiedlichen Bedürfnisse und finden immer einen Kompromiss. Auch
wenn ich sie nicht gerade liebe, lasse ich doch nichts mehr auf sie kommen.
Gesellschaftliche Diskriminierung weisen wir ? so weit es geht ? zurück. Unsere
soziale Umwelt gestalten wir - so weit es geht - mit Menschen, die unsere
Identitätswahrnehmung teilen können.
Natürlich ist eine politisch aktive Einstellung zur Gesellschaft von Vorteil.
Letztlich ist die Zurückweisung von persönlich nicht akzeptierten
Rollenzuweisungen ein persönlicher und ein politischer Prozess, in jedem Fall
ein emanzipatorischer.
Normalisieren
Normalisieren bedeutet für mich, die Bandbreite dessen, was in der Gesellschaft
als normal akzeptiert wird, auszudehnen. Es bedeutet nicht, jedwede Abweichung
zu beseitigen. Zur Zeit definiert die gesellschaftliche Bewertung eine
Behinderung außerhalb der Norm, auch wenn normnahe Behinderte schon relativ gut
integriert leben. Gerade letzteren gelingt leicht und glaubhaft ein "Ich
bind-normal". Einen Lebensbereich, in dem solche Sätze durchgängig an der
Realität scheitern, bildet Sexualität. Hier herrschen kulturelle
Normvorstellungen besonders gnadenlos. Kein Wunder, dass zum Angebot einer
Beratungsstelle für Behinderte Sexualberatung gehört.
Wünsche an die physiotherapeutische Praxis
Ich empfehle, feindselige Einstellungen über Behinderung und chronische
Krankheit aufzugeben. Mein Versuch ist es, Verbündete in den KG-Praxen zu
bekommen, die sich nicht mehr als Kriegerinnen und Krieger gegen einen Feind
empfinden und gebrauchen lassen, der mit dieser Strategie nicht zu bezwingen
ist. Sicher kommen Patienten mit dem Auftrag: "Mach', dass ich nicht mehr
leide". Manchmal ist für den Erfolg aber die Unterstützung der
Persönlichkeitsentwicklung genauso wichtig wie die körperliche Behandlung. Die
entsprechende Einstellung der behandelnden Fachleute ist Voraussetzung für eine
Beratung, die
• sich frei machen kann von den üblichen kulturellen Bewertungen,
• Krankheit zwar ernst nimmt und
• ihren Einflussbereich begrenzt,
• dennoch den eingeschränkten Körper als liebenswert empfinden kann,
• und diese Betrachtungsweise noch zu vermitteln vermag.
*Die Namen der Personen sind erfunden.
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