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Krisen nutzen!

in "Lebens-Übergänge, Wagen - Entwickeln - Verändern", Attempto Verlag, Tübingen 2005.

Sammelband zum gleichnamigen Kongress der  Körperbehindertenschule Neckar-Alb herausgegeben von Hans-Peter Färber

Im Rahmen der hier zusammengestellten Beiträge bin ich sicherlich aus einem exotischen Hintergrund zur Teilnahme eingeladen. Ich komme aus der Praxis einer Beratungsstelle, die sich der emanzipatorischen Behindertenbewegung zurechnet und auf der Grundlage der Peer Counseling Prinzipien arbeitet. Zusammenfassend beschrieben: Als Behinderter berate ich Systeme Behinderter, vom einzelnen Ratsuchenden bis hin zu Teams aus Behinderteneinrichtungen.

 

»Emanzipation« bedeutet hier die persönliche Befreiung und Verwei­gerung von historisch gewachsenen Rollenzuschreibungen, die nicht mehr angemessen sind. Emanzipierte Behinderte lehnen für sich die traditionellen Rollen ab, nach denen sie dankbar, lieb, bescheiden, grau, depressiv und leidend zu sein haben. Emanzipation benötigt ein gutes Gefühl für die eigene Identität als behinderter Mensch gegen die einen­genden Erwartungen der sozialen Umwelt.

 

Habe ich mich wahrgenommen als Mitglied einer gesellschaftlichen Subgruppe, nämlich die der Behinderten, kann ich diskriminierendes Verhalten als kulturell geprägt verstehen, was die Ablehnung dieses Verhaltens erleichtert, bis hin zur Immunität. Nicht ich persönlich bin es, der dieses Verhalten auslöst, es sind Vorstellungen anderer über mich oder deren Ängste. Nicht ich bin problematisch, das Problem entsteht aufgrund der Reaktion anderer auf eine Eigenschaft von mir. Sie haben das Problem - aber wenn gerade diese anderen mir wichtig sind, habe ich es auch, das Problem.

 

Ich weiß allerdings, und das ist angenehmer, dass ich nicht an meiner Identität etwas ändern muss, sondern an der Reaktion der anderen auf mich. Gegenreaktionen, gemeinschaftlich und individuell, sind jetzt organisierbar und können zur Beseitigung dieses kulturellen Erbes führen.

 

Ein Beispiel: Es besteht in der öffentlichen Meinung das Urteil, dass ein behinderter Mensch ein leidender Mensch ist. Dazu hat sich das Gebot entwickelt: »Du darfst einem behinderten Menschen kein zusätzliches Leid zufügen. Bei Strafe eines schlechten Gewissens!« Diese Regel hat höchst fatale Folgen für uns. Sie führt zu einem allgemeinen Schonver­halten. »Mensch« ist nett zu Behinderten. Behinderte sind nicht offen kritisierbar und damit in der Konsequenz nicht bewertbar wie vergleichsweise Nichtbehinderte. Das merken etwa alle behinderten Künstler oder behinderten Sportler.

 

Persönlichkeitszerstörend wirkt diese Regel bei dem Versuch behin­derter Menschen, Beziehungen aufzubauen oder Erotik zu erleben. Mit Behinderten kann mensch Beziehungen nicht versuchsweise leben, wie das heute üblich ist. Sex wird zunächst fast immer spielerisch eingeübt. Das geht nicht mit Behinderten. »Gehst du eine Beziehung zu einem behinderten Menschen ein, muss das für immer sein!«, lautet die gesell­schaftliche Regel. »Du darfst ihn oder sie nicht mehr verlassen, denn dann leidet die oder der Verlassene und du bist schuld.«

 

Behinderte sind beim Flirt erfolgreicher, wenn sie von diesem Ein­stellungsreflex in unserer Kultur wissen. Behinderte sind überhaupt erfolgreicher, wenn sie um die allgemein menschlichen Reflexe der Seele wissen, die mit ihrer Behinderung zusammenhängen.

 

Leider ist die Emanzipation behinderter Menschen relativ selten. Die emanzipatorische Behindertenbewegung machen zurzeit nur etwa 1000 Menschen aus. Das liegt daran, dass es uns bisher nicht gelungen ist, genügend positive Rollenvorbilder zu leben. Unser gesellschaftlicher Status ist ausgesprochen niedrig. Eine Identifikation mit der Subgruppe Behinderter ist selten.

 

Gerade im Rahmen dieser Veranstaltung will ich aber betonen, dass es auch der (Sonder-)Pädagogik bisher nicht gelungen ist, in nennenswer­tem Umfang selbstbewusste behinderte Menschen aus ihrer Ausbildung zu entlassen. Die meisten der ausgebildeten Behinderten sind über-angepasst oder resigniert und ihre Behinderung ist ihnen peinlich. Sie bekennen sich ungern zu ihr, wenn überhaupt, verstecken und verachten sie sie, verachten also einen untrennbar mit ihnen verbundenen Teil ihrer Persönlichkeit, eine sehr zentrale Eigenschaft.

Dabei hat die Sonderpädagogik mit ihrer unvergleichlichen Lehrplan-Freiheit die allerbesten Möglichkeiten, Behinderten zu einem selbst­bestimmten und emanzipierten Leben zu verhelfen. Dazu müsste sie allerdings in einem erheblichen Maße selbst- und gesellschaftskritischer sein, als sie das heute ist.

Ich bedauere, dass nur wenige Pädagoginnen und Pädagogen, die Krise und das Leiden als Lernmotivation und als Lernfeld nutzen. Zu häufig glauben Menschen, es sei ihre Aufgabe, Behinderte zu scho­nen, ihnen negative Erfahrungen zu ersparen. Damit nehmen sie ihnen die Chance, Krisenbewältigung selber zu erlernen. Es wäre hilfreicher, behinderte Menschen durch Krisen und Leid so zu begleiten, dass die Behinderten selber zu - sagen wir - Krisenmanagern werden, sicher für sich, vielleicht aber auch für andere Menschen. Eine ausgefeilte Bega­bung im Krisenmanagement, am eigenen Körper erfahren, erhöht die kulturelle Attraktivität eines Menschen, die soziale und vielleicht sogar die berufliche.

Die Ungeheuerlichkeit meiner Forderung, besonders an Sonderpädagoginnen und -pädagogen, ist mir durchaus bewusst. Fordere ich doch, Leiden und Krisen nicht augenblicklich schon in ihrem Entstehen zu beseitigen und nicht präventiv zu vermeiden. Ich empfehle, schmerz­liche Erfahrungen zuzulassen und unterstützend zu begleiten. Mir ist bekannt: Von der sozialen Umwelt, insbesondere von den Eltern der Betroffenen, wird massiv die Forderung erhoben, Krisen und Leiden zu vermeiden. Es ist eben ein gesamtkultureller Reflex. Eltern werden sich beschweren - und sehen doch mit der Zeit ein, dass ihre Kinder durch Krisen auch gewinnen können.

Nehmen wir etwa den Liebeskummer. Ja, doch, auch der Liebes­kummer kann - und sollte sogar - ein Unterrichtsthema sein. Es ist erzieherische Tradition, behinderten Menschen den Liebeskummer zu ersparen. Es wird versucht, Behinderte schon von der Idee an eine Part­nerschaft abzulenken. Indem die negative Erfahrung erspart wird, wird die positive - nämlich die partnerschaftliche und sexuelle - Erfahrung verhindert. Um wie viel hilfreicher wäre es doch, Kompetenzen zu ver­mitteln, wie man es schafft, nach einem Verlust weiterleben zu können. Um wie viel stärkender wäre es doch, lernen zu können, sich in einer Depression neu der Welt zuwenden zu können? Indem zum Beispiel ein neuer Partner gesucht wird. 

Leid, Krisen und verletzende Diskriminierungen sind im Leben behin­derter Menschen nie gänzlich zu verhindern. Je intensiver ich als behin­derter Mensch gelernt habe, sie konstruktiv zu meistern, je mehr kann ich  mich mit der Lust, der Freude und meinen Begabungen beschäftigen, die auch zu meinem behinderten Leben gehören. Den behinderten Schü­lerinnen und Schülern fehlt heute in der Regel die realistische Auseinan­dersetzung mit der eigenen aktuellen und zukünftigen Rolle, der sozialen und - nicht zu vergessen - der erotischen.

Es gibt allerdings auch Ausnahmen. So organisierte vor Jahren schon ein Lehrer an der KB-Schule Olpe eine gut besuchte AG mit dem Titel »Wann ist der Mann ein Mann«. Ich war als Referent geladen. Es wurde eine der interessantesten Veranstaltungen, die ich leiten durfte. Die Schüler verstanden, dass ihre Attraktivität nicht nur über ihren Körper entsteht, dort haben sie Nachteile. Sie verstanden, dass auch von ihnen erwartet wird, einen Plan zu haben, einen Lebensplan. »Peilung« nennen sie das. Das Besondere war, dass sie begriffen, wer das erwartet. Nicht die Schule, nicht die Eltern, nein, in diesem Fall - es waren ausschließlich Jungen -mögliche Partnerinnen. Für Mädchen gilt das entsprechend. Mögliche Lebenspartnerinnen und Lebenspartner wollen wissen: Komme ich mit dem oder der besser, sicherer, angenehmer durchs Leben? Hier können wir behinderten Menschen erheblich an Attraktivität gewinnen und anbieten. Es ist nicht verwunderlich, dass schon die erahnten Wün­sche eines nur erhofften Lebenspartners mehr motivieren als etwa die aktuell gehörten Wünsche eines Lehrers.

 

Natürlich ging es in der beschriebenen Olpener Arbeitsgruppe auch um Sex, ausführlich und mit Konsequenzen: Ich erinnere mich, wie ich am zweiten Tag die Nachricht bekam, dass ein Schüler nicht wiederkom­men dürfe, da seine Eltern ihm das Gespräch über Sex verboten hatten. Der pädagogische Kollege hatte es im Nachhinein mit der Veranstaltung nicht leicht gehabt. Auch die Eltern befanden sich immerhin in einem der schwierigsten Lebensübergänge, der Pubertät ihrer Söhne.

Pubertät als krisenhafter und chancenreicher Lebensübergang

Für mich als systemisch denkenden Menschen entsteht Pubertät durch den Konflikt zweier Überlebensinteressen.

Zunächst ist da das Individualinteresse am Überleben. Leben, einmal konzipiert, will überleben, das ist immer so und nicht nur beim Menschen. Das ist der geradezu göttliche Imperativ: »Lebe, und lebe so gut wie möglich! Überlebe!« Wenn Sie einmal gesehen haben, wie zäh Lebewesen in extremer Bedrohung an ihrem Leben hängen, wissen Sie, wie stark dieser Überlebenswille ist.

Zur Zeit der Pubertät gewinnt auch ein anderer Überlebenswille Herrschaft über den jungen Menschen: Das Gattungssystem Mensch ist brennend daran interessiert, dass junge Menschen sieh in sexuellem Verhalten einüben, daran, dass sie letztlich die nächste Generation zeu­gen. Nur so kann dieses übergeordnete System sich erhalten. Um sein Interesse durchsetzen zu können, stehen jede Menge Hormone bereit. Diese haben ihre biologische Uhr und stellen sich danach ein.

Zur somatischen Pubertät gesellt sich die soziale mit ihrer Anforde­rung, sich von den Eltern auch im Widerspruch abzusetzen. In der Regel sind die Eltern parteiisch auf das sichere, wohlbehütete Überleben ihres direkten Nachwuchses orientiert und scheuen das Risiko, das junge Men­schen für Beziehungen und Sex gern bereit sind einzugehen. Das bringt Konflikte mit sich. Die Kulturen haben in den Jahrtausenden Verhaltens­muster entwickelt, die die Pubertät gut überstehbar machen.

In behinderten Familien fällt die soziale Pubertät häufig aus oder wird zeitlich verschoben - mit dem Einverständnis der direkt behinderten Mit­glieder. Diese wissen, dass ihr eigenes, irgendwie eingeschränktes Leben im Durchschnitt bedrohter ist als das von nichtbehinderten Menschen. Sie wissen das, ob sie die Behinderung nun wahrnehmen wollen oder nicht. Sie glauben, dass sie auf die Obhut der Familie nicht verzichten können. Der Gedanke an Trennung und Konflikt macht ihnen Angst, und so kommt es in behinderten Familien oft zu einer Symbiose, die Pubertät verhindert. Manchmal wird sie später nachgeholt, manchmal kommen die Betroffenen dann in die Beratung.

Schwieriger noch haben es die Familien, die sich entschlossen haben, so zu tun, als seien sie ganz normal. Ihr Kind sei zwar behindert, aber das hindere nicht daran, normal zu sein. Das führt in der Pubertät zu schweren Krisen. Bis zur Pubertät waren alle bereit, Normalität aufzuführen: Eltern, Kind, Geschwister, Familie, Nachbarschaft, Freun­deskreis, Schule usw. Nun ist das vorbei. Wenn es um Liebe und Sex geht, hört jede Integrationsmär auf. Im Kampf um die attraktivsten Partnerinnen und Partner wird eingeschränkten Menschen gezeigt, dass sie anders sind. Auch schon in der Einübungsphase, der Pubertät, erinnern sie sich?

 Gerade die »vollständig integrierten«, besonders die Familien der »Normalen« trifft diese Entwicklung hart. Sie sind auf die neue Rolle ihres behinderten Familienmitgliedes nicht vorbereitet. Oft nehmen Behinderte ihren Eltern diese mangelnde Vorbereitung übel. Oft verlieren sie das Vertrauen zu den Familienregeln.

 

Gut, wenn sie darauf vorbereitet sind ohne resignieren zu müssen. Gut, wenn sie gelernt haben zu trauern. Ich kann Einschränkungen nur dann in eine wertvolle Identität integrieren, wenn ich bereit bin, sie wahrzunehmen, zu betrauern und anzunehmen. Auch Einschränkungen werden annehmbar, wenn ich wahrnehme, dass sie meine Identität mit­gestaltet haben, mein Selbst, das ich insgesamt liebenswert finde.

 

Ich habe hier nur zwei typische Familienmuster genannt, es gibt selbstverständlich noch mehr.

Der Platz an der Sonne

In unserer Gesellschaft müssen sich behinderte Menschen schon beson­dere Strategien einfallen lassen, um einen Platz zu bekommen, der sie überleben lässt. Aber sie können ihn bekommen. Ich rate Behinderten nicht, doppelt so gut zu sein wie ihre nichtbehinderten Konkurrenten, ich rate ihnen irgendwie anders zu sein und zu ihrer Andersartigkeit zu stehen. Gerade in der Pubertät wird behinderten Jugendlichen schmerz­lich bewusst, dass ihre Chancen auf einen anerkannten Beruf und einen Partner oder eine Partnerin eher gering sind. Trotz der riesigen Anstren­gungen, die viele bisher geleistet haben.

In Schulen und Wohnheimen wird diese Sinnkrise den Pädagoginnen und Pädagogen oft unbewusst spürbar gemacht durch einen deutlichen Leistungsknick.

Wozu all die Anstrengungen, fragen sich die Betroffenen. Habe ich einen Platz in dieser Gesellschaft? Hat sie einen für mich, und will ich ihn? Ein Platz in der Werkstatt für Behinderte oder wie sie jetzt ver­niedlichend heißt, Werkstatt für behinderte Menschen, ist nicht attraktiv und macht nicht attraktiv. Macht den entsprechenden Menschen nicht attraktiv für einen Lebenspartner. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Ein Leben in einer Großeinrichtung macht einen Menschen nicht erotisch. Erotisch wird ein Mensch, und das wissen Sie aus eigener Erfahrung, nicht nur durch das, was er ist, auch durch das, was er hat. Ein selbstbestimmter Wohnraum, Mobilität, ein Freundeskreis und Geld, mit dem mensch sich auch mal was leisten kann, das macht erotisch. Diese Faktoren machen auch selbstsicherer, ein selbstsicheres Auftreten wiederum macht attraktiver.

 

Junge Menschen müssen das alles noch nicht tatsächlich haben, das ist bei Nichtbehinderten auch nicht der Fall. Aber sie brauchen zumin­dest einen glaubwürdigen Plan, der eine solche Zukunft verspricht -, eine Peilung auf ein sicheres und angenehmes Leben. Selbstsicherheit ist dafür von großem Vorteil, ebenso ein gutes Gefühl zum eigenen eingeschränkten Körper.

 

Sie haben sicher bemerkt, liebe Leserin und lieber Leser, dass ich die Pädagogik nicht in Ruhe lassen will mit ihrem kulturellen oder ihrem berufsfördernden Auftrag. Gerade zur Zeit der Pubertät motiviert junge Menschen nicht nur die Frage nach dem beruflichen Platz in der Gesell­schaft. Auch und besonders Fragen nach Partnerschaft und Sexualität motivieren und negative Antworten auf diese Fragen zersetzen alle Lernerfolge.

 

Behinderte Menschen haben sich mittlerweile so weit entwickelt, dass sie eine ganz neue Form der Sonderpädagogik brauchen. Sonderpädago­gik hat ihre alte Bedeutung verloren, wie immer ihr Sinn auch definiert wurde. Heute brauchen wir eine neue Ausrichtung für die behinderten Menschen, die immer andere Menschen brauchen werden, um ihre Bedürfnisse zu erreichen. Wir brauchen neue Berufsziele für die Men­schen, denen der erste und der zweite Arbeitsmarkt keinen geeigneten Platz bieten werden.

 

Stellen Sie sich eine schwer körper- und sprechbehinderte Schülerin vor (oder einen vergleichsweisen Schüler). Ihre Zukunft nach der Son­derschule wird oft eine Fördergruppe in einer Werkstatt für behinderte Menschen sein, selbst wenn sie intelligent ist. Sie gestatten die Frage, warum für diese Zukunft eine so intensive Ausbildung nötig ist, wie sie in den Sonderschulen geboten wird.

 

Solche Behinderten kommen in die Werkstatt, weil sich für sie kein anderer Arbeitgeber finden lässt.

Stellen Sie sich vor, die betreffende Person würde in der Schule mit allen Kompetenzen ausgestattet, die ein Arbeitgeber braucht. Ihr Unternehmen wäre die Organisation der selbst benötigten Assistenz oder - traditionell ausgedrückt - der eigenen Helferinnen und Helfer, Pflegerinnen und Pfleger. Sie bräuchte keinen anderen Arbeitgeber. Ihre Schulausbildung würde ihr bei ihren je individuell andersartigen Einschränkungen Personalführungskompetenz vermitteln. Selbstbewusst müsste sie davon ausgehen können, dass die Hilfe, die sie bekommt, ihr Recht ist, kein Zugeständnis, für das sie dankbar zu sein hat. Sie müsste in der Lage sein, ihre Bedürfnisse klar zu äußern, dürfte vor notwen­digen Konflikten keine Angst haben. Sie müsste im ungünstigen Falle zu Entlassungen fähig sein. Sie müsste andere motivieren können, mit Nähe und Distanz umgehen können. Sie müsste sich auskennen mit der Personalverwaltung, mit Ämtern, Kranken- und Pflegekassen, mit Banken und den wesentlichsten Paragraphen. Wenn sie dazu noch weiß, wo Peru liegt, ist das gut, aber nicht unbedingt notwendig.

 

Stellen Sie sich vor, die betreffende Person würde mit all den Kom­petenzen ausgestattet sein, die sie befähigen, ein Heim zu leiten. Ihr Unternehmen wäre die Organisation einer selbstverwalteten Wohn­gemeinschaft mit anderen Behinderten in einer selber angemieteten Wohnung. Die anderen Behinderten in der WG wären ausgebildet, ihre eigenen Bedürfnisse in die Selbstverwaltung der Gemeinschaft mit ein­zubringen. Sie wären ausgebildet, sich allein oder mit selbstbestimmter Assistenz in die allgemeine soziale Gemeinschaft zu integrieren. In der Schule sind sie in Emanzipation ausgebildet worden. Stellen Sie sieh das vor. Diese Behinderten wissen, wie sie mit den täglichen gut oder schlecht gemeinten Diskriminierungen umgehen können.

 

Stellen Sie sich vor, die betreffende Person würde lernen, Menschen dazu zu bewegen, die eigene Selbstbestimmung zu fördern, die Selbst­bestimmung dieser behinderten Person. Gerade die Behinderten, die immer auf andere Menschen angewiesen sein werden, haben sowieso ein Grundwissen von Motivierung. Manchen fällt dazu nichts anderes ein, als  aggressiv zu werden, andere sind fast würdelos unterwürfig, andere hemmungslos angepasst. Es gibt aber auch positive Motivierungen, die die eigenen Bedürfnisse, aber auch die der anderen berücksichtigen. Solche Motivierungen können gelernt werden: Kommunikative Kom­petenzen, Menschenführung - dazu braucht man keinen klassischen Schulabschluss.

Stellen Sie sich vor, die betreffende Person würde mit allen Kom­petenzen ausgestattet sein, die sie befähigen, in einer Einrichtung als Krisenmanagerin tätig zu sein. Krisen zu meistern hat sie - auch am eigenen Leibe - gelernt. Stellen Sie sich vor, sie hätte alle Kompetenzen, um in einer Einrichtung Sexualberaterin zu sein.

 

Moderne Sonderpädagogik hat nach meiner Auffassung die außerge­wöhnliche Freiheit, behinderte Menschen in Selbstbestimmung, Selbst­verwaltung, Selbstorganisation, Selbstvertretung auszubilden.

 

Manchmal sind bei Menschen die eigenen Fähigkeiten soweit einge­schränkt, dass die Selbstbestimmung und Selbstorganisation des eigenen Lebens die Energien einer Berufsausbildung und die staatliche Finanzie­rung eines Arbeitsplatzes im Selbstverwaltungsbetrieb verdienen.

 

Diese Umorientierung der Sonderpädagogik wäre nicht nur von ethischem Vorteil, sie würde auch den Staat entlasten von den Kosten zentraler Einrichtungen. Diese Umorientierung brächte einen großen Motivationsschub bei den behinderten Schülerinnen und Schülern, die den offiziellen Zielen der Sonderschule nicht mehr glauben können oder folgen wollen.

 

Diese Art von Sonderpädagogik bezieht behinderte Rollenvorbilder mit ein. Sie bezieht integrierte und selbstbewusste Behinderte in den Unterricht mit ein, die sich trauen über Gender und Sex gleichermaßen zu reden. Rollenvorbilder, die Schülerinnen und Schülern vermitteln können, dass sie eine Chance haben und wie sie diese nutzen können. Keine Elite- oder Superbehinderte, die solch tolle Leistungen vollbracht haben, dass die Schülerinnen und Schüler sich nicht mehr mit ihnen identifizieren können.

 

Peer Counseling wird ja schon an manchen Schulen praktiziert. Ich finde das eine gute Entwicklung. Schön wäre es, bei diesem Peer Counseling gezielter und umfassender auf die Probleme der Pubertät einzugehen und dazu gehört das Thema Partnerschaft und Sexualität. Nicht im Stile traditionellen, trockenen Sexualkundeunterrichts. Ich denke etwa an ein Angebot einer Kollegin, einer Peer Counselorin in der Körperbehindertenschule in Birkenwerder bei Berlin: Sie hat mit behinderten Schülerinnen erotische Fotographien erstellt. Keine Angst, alles noch sehr gesittet, aber erotisch. Und einige dieser Fotos wurden sogar im Schulflur aufgehängt. Junge Frauen mit Körpern, die selbstbewusst gezeigt werden konnten. Das ist Emanzipation.

 

 

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Stand: 13. Dezember 2009