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Beitrag zur Pubertät Behinderter - Brücken Bauen!

Sieben Brücken, natürlich barrierefrei.
Zur seelischen Architektur eines Weges durch Höhen und Tiefen.


Dipl.-Psych. Lothar Sandfort - Beitrag zur KBF-Tagung - Mössingen 2005

Was Pubertät bedeutet, haben Sie schon vielfach gehört. Sie haben sich Ihr Bild gemacht. Auch in diesem Buch werden Ihnen viele Beschreibungen und Umschreibungen angeboten. Nun kommt meine Interpretation dazu.
Um nicht zu wiederholen, konzentriere ich mich auf den besonderen Aspekt meiner beruflichen Tätigkeit. Der sicher für mein Engagement zu diesem Beitrag verantwortlich ist.

Ich leite ein kleines Institut in Niedersachsen, in dem neue Wege der Sexualberatung ausprobiert werden. Dadurch habe ich vielfältigen Kontakt mit behinderten Jugendlichen, deren Eltern und dem pädagogischen Personal aus Schulen, Wohnheimen und Werkstätten. Deren Anfragen sind immer sehr problem- und praxisbezogen, und so sollen auch meine Kapitel in diesem Buch ausfallen. Es soll um konkretes pädagogisches und psychologisches Handeln gehen und immer nur um Unterstützung, nie um Stellvertretung. Denn das Institut aus dem ich komme, zählt sich zur emanzipatorischen Selbstbestimmt-Leben-Bewegung. Es geht um das Bauen von Brücken. Nutzen müssen die behinderten Menschen die Brücken schon selber – oder eben lieber nicht.

Paradoxer Weise beginne ich mit der Theorie, die unser Handeln bestimmt: Wie alle lebendigen Systeme ist die Seele - auch zur Zeit der Pubertät - ein dynamisches und sich selbst regulierendes System abgrenzbarer Subsysteme, Tendenzen und Interessen. Interessen, die sich manchmal widersprechen und dennoch miteinander auskommen müssen. Die Seele wird somit geformt im Kontext des großen Stroms von Verhalten, das wir Welt nennen. Sie vereint die Überlebensinteressen von drei existenziellen Systemen,

1. des jeweiligen Individuums,
2. der Gattung Mensch und
3. der Kultur.

Diese drei Interessenskomplexe haben im Laufe der Evolution direkten Einfluss auf die Seele ausbauen können,
1. das Individualinteresse, weil das jeweilige Individuum Wirt seiner oder ihrer Seele ist und die Seele dessen Interessen als vorrangig betrachtet,
2. der Gattung, die über die Hormone ihre Interessen nach Fortpflanzung des Menschen durchzusetzen weiß, und
3. der Kultur, die zu ihrer Einflussnahme alle möglichen Formen von Erziehung wirksam hält, vor allem Eltern, Pädagoginnen und Pädagogen.

Während der Pubertät gerät dieses Gefüge notweniger Weise in eine Krise.

Bis etwa zum 11. Lebensjahr wirken die Überlebensinteressen des Individuums und der Kultur in der Regel konstruktiv zusammen. Der heranwachsende Mensch braucht Halt und Orientierung, die ihm die Kultur in der Regel stellt, vor allem ihn Form der primären Bezugspersonen. Das Kind und seine Eltern sind interessiert an Sicherheit. Das Kind will und soll sich in Sicherheit zu einem wertvollen Mitglied der Kultur bilden. Es wird erzogen und will erzogen werden.

In der Vorpubertät, also etwa vom 11. bis 14. Lebensjahr, wird das bisher Erreichte in beängstigender Weise gestört. Die Überlebensinteressen der Gattung bringen ihre Hormone verstärkt ein. Die körperlichen Veränderungen sind nun im Zusammenspiel der Interessen so dominant, dass die anstehende Lebenszeit sogar ihren Namen durch sie bekommen hat (Pubertät von lat. pubes = Schamhaar).

Auffällig verändert sich der Körper und ganz neue sexuelle Erregungen drängen darauf, wahrgenommen zu werden. Diese Veränderungen werden zunächst nicht immer begrüßt. Doch spätestens in der Hochpubertät, also mit 14. bis 16. Jahren, experimentiert der oder die Jugendliche mit den neuen Gegebenheiten. Er und sie integrieren neue Erfahrungen und Fähigkeiten in der Nachpubertät, also mit 17./18. Jahren, in ihre erwachsene Persönlichkeit. So jedenfalls wäre die Idealentwicklung.

Gleichzeitig nehmen die kognitiven Fähigkeiten des jungen Menschen erheblich zu. Er nimmt sich im sozialen Kontext wahr und kommt in die Lage, sich und seine Umwelt kritisch zu hinterfragen. Alte Regeln werden in Konflikt gebracht mit eigenen Regeln und neuen Wertvorstellungen. Dieser soziale Aspekt der Pubertät ist eine Herausforderung besonders für die Eltern des pubertierenden Jugendlichen, die in der Regel aber konstruktiv überstanden wird.

Es wird dem pubertierenden Menschen klar, dass er und sie die bisherigen Formen der Sicherheit und Geborgenheit eintauschen müssen, gegen die Sicherheit eigener Fähigkeiten und die Geborgenheit durch Peers und Partner. Dazu locken neue Erfahrungen der körperlichen Lust. Das Ganze ist ein dynamisches Regelsystem verschiedener Subsysteme. Soweit die Idealentwicklung in Kurzform. Die körperlichen, sozialen und kognitiven Entwicklungen machen das Spannungsfeld aus. Die entstehenden Dissonanzen in Einklang zu bringen, das ist für den ansonsten unbelasteten Jugendlichen schon problematisch genug. Für behinderte Jugendliche entstehen zusätzliche Schwierigkeiten.

Pubertät und Behinderungen

Behinderung bedeutet immer eine Abweichung von der Norm. Während sich im Rahmen des Normalen nicht behinderte Menschen noch vergleichsweise ähnlich sind, erhöhen Behinderungen die Vielfalt menschlicher Lebensgestaltung um ein Vielfaches. Daher ist es schwierig über Pubertät und Behinderung differenziert genug zu schreiben, besonders wenn der Wunsch besteht, es kurz zu machen. Verzeihen Sie mir also pauschale Darstellungen.

Körperbehinderte haben – in aller Grobheit – mit elf Jahren schon, also mit Beginn der Pubertät, ein überaus negatives Körpergefühl. Die Vielzahl der Therapien ging mit einem ständigen Nörgeln an den körperlichen Defiziten einher. Zudem gingen vom Körper oft Schmerzen aus, manchmal sogar als angeblich notwendiger Bestandteil einer Heilung. Außerdem war es der Körper, der das Anderssein definierte, nämlich die Körperbehinderung.

Nun gehen neue Beängstigungen vom Körper aus, denn eine Behinderung ändert nichts daran, dass die hormonellen Wirkungen sich altersgerecht einstellen.

Zu dem schlechten Körpergefühl schleicht sich eine neue zerstörerische Erfahrung. Ist dem jungen Menschen von den bisherigen Bezugspersonen beharrlich vermittelt worden, man sei doch ganz normal, hört diese Integrationsmär nun schlagartig auf. Pubertät bedeutet nämlich auch Konkurrenz der Attraktionen nach den Idealvorstellungen der jeweiligen Kultur. Die neuen Bezugspersonen in der Gruppe der gleichaltrig Pubertierenden sind in der Regel recht erbarmungslos. Beim Sex und in der Liebe hört der Schmusekurs auf. Gut, wenn der junge behinderte Mensch darauf vorbereitet ist.

Die Macht der Eltern, die soziale Rolle ihres Kindes zu definieren, nimmt ab. Die zunehmenden kognitiven Fähigkeiten des jungen Menschen setzen ihn in die Lage, auch Vertuschungen zu erkennen. Im schlimmsten Fall werden Familientabus, etwa das Leiden am Anderssein, aufrechterhalten. Nun werden plötzlich die Eltern zu den Umsorgten, ihnen zur Liebe muss so getan werden, als sei die Familie eine ganz normale. Eine enorme Belastung des jungen Menschen.

Behinderte Menschen, die so weit eingeschränkt sind, dass sie ein unabhängiges Leben nicht führen können, seien sie nun körperlich oder geistig behindert, können sich soziale Pubertät überhaupt nicht leisten. Die kindliche Symbiose mit den Eltern wird so weit es eben geht erhalten und verteidigt, sofern die Betreffenden noch in familiären Bezügen leben. Die notwendigen und konstruktiven pubertierenden Konflikte können nicht eingegangen werden. Pubertierende Erfahrungen mit Sex können nicht gelebt werden, denn sexuelles Erproben gehört zu den klassischen Auslösern von Pubertäts-Konflikten.

Die Ablöseproblematik bleibt den Beteiligten nun zwar erspart, aber dafür ergeben sich neue Probleme, denn unausweichlich macht sich das Thema „Sexualität“ in dem heranwachsenden Körper breit. Nun muss im Extremfall der Vater seine Tochter waschen, die mehr und mehr mit allen weiblichen Verlockungen begabt wird. Oder der geistig behinderte Sohn beginnt vor den Augen der Mutter zu masturbieren, die alles tut, um nicht hinsehen zu müssen.

Pubertierende Behinderte und pädagogische Praxis

Für viele von Ihnen, die diesen Text lesen, besteht der berufliche Alltag in der Betreuung von behinderten Kindern und Jugendlichen. All die, die nicht von ihren Eltern versorgt werden können, erhalten in unserem Staat qualitativ hochwertige Betreuung durch das Personal einer Institution, eine Errungenschaft der modernen Demokratie in unserem Kulturkreis. Fällt die Familie aus, bedeutet das nicht, dass auch die Pubertät ausfällt. In Einrichtungen geht es auch um pubertäre Konflikte, jedoch nicht mit dafür bevorzugten Menschen, sondern eher mit Regeln. Wenn der betreffende Behinderte es sich leisten kann, werden eigene Regeln im Bruch mit den Regeln des Teams oder der Institution ausprobiert. Individuelle Kraft und Zukunftsentwürfe werden so geprüft. Gleichzeitig wird so die Anerkennung innerhalb der ebenfalls pubertierenden Peergroup erhöht. Ohne die Verbundenheit mit familiären Strukturen wird für den jungen behinderten Menschen die Peergroup umso wichtiger.

Behinderte Menschen, die es sich nicht leisten können, am Konflikt und mit ihm zu wachsen, haben andere Sorgen. Behinderte Kinder und Jugendliche, die in einer Einrichtung aufwachsen, wissen unbewusst um ihre erhöhte Aufgabe, andere Menschen an sich zu binden. Sie wissen – auch wiederum unbewusst – um ihre verminderte Lebenssicherheit, oft wissen sie um ihre Einschränkungen. Ihr Sicherheitsbedürfnis müssen sie delegierend mit anderen teilen. Sie verfügen daher im glücklichen Fall über ausreichende Fähigkeiten, Betreuerinnen und Betreuer an sich zu binden. Von nun an achten sie peinlich darauf, dass es den betreffenden Pädagoginnen und Pädagogen auch gut geht. Sie tun nichts, was das Verhältnis belasten könnte. Für ihre sexuelle Entwicklung zum Beispiel ist es in diesem Fall von enormer Bedeutung, wie viel davon das entsprechende pädagogische Personal aushalten kann.

Pädagoginnen und Pädagogen in den Schulen bekommen die Entwicklung mit, egal aus welchem Lebenszusammenhang die betreffenden Kinder und Jugendlichen kommen. In den Sonderschulen geben die Lehrpläne ihnen ausgezeichnete Freiheiten ganz individuell auf die Entwicklungen einzugehen. Wie weit sie jedoch selber bereit sind, sich auf die Krisenherde und deren Beweggründe einzulassen, ist selbstverständlich abhängig von ihrem persönlichen Engagement.

Dass etwas nicht stimmt, fällt häufig auf, durch plötzliche Leistungsverweigerung, durch Auffälligkeiten wie Depressionen, Aggressionen manchmal gar durch Mutismus. Als Psychologe ist mir Leistungsverweigerung undenkbar. Immer tun die jugendlichen Pubertierenden etwas, was sie verweigern ist allenfalls die Leistung, die die Schule oder das Elternhaus von ihnen erwartet. Manchmal ist die Leistungsverweigerung sogar massiv Energie verzehrende Aktion, Mutismus ist viel sagend, Depression soll aktivieren und Aggression beruhigen. Leider ist oft die Aggression die einzige Inszenierung, die gehört wird.

Mit den zunehmenden Fähigkeiten und dem eingeschränkten Angeboten der Gesellschaft bezüglich beruflicher Zukunft wird den pubertierenden Behinderten klar, dass sie im Normalfall keinen attraktiven Platz bekommen werden. Ein Platz in der Werkstatt für behinderte Menschen wird oft nicht als attraktiv empfunden. Das vermindert die Chancen zusätzlich, einen attraktiven Partner zu bekommen und – falls überhaupt vorstellbar - erfüllten Sex.

Was nun können Sie tun? Ich hatte ihnen ja versprochen, möglichst bald zur praktischen Verwendbarkeit unserer theoretischen Voraussetzungen zu kommen. Um das Brückenbauen soll es gehen. Die gefährlichen Strudel und Untiefen sind zumindest grob beschrieben. Müssen die jungen Menschen da durch, so schaffen sie das oft auch, oft gehen sie unter, und Brücken sind auf jeden Fall gut. Über sieben solche Brücken müsse man gehen, sagt ein moderner Popsong so treffend. Oft können Sie die Brückenbauer sein. Doch so ein Brückenbau braucht lange Zeit.

Meine These, er braucht 11 Jahre. Mit 11 beginnt die Vorpubertät. Mit 11 müssen die Brücken im Prinzip fertig sein. Viele Bauleute müssen also ein Stück der Vorarbeit von anderen übernehmen, die gute oder schlechte Brückenbauer sind. Egal wie, es ist ungeheuer schwierig, dem jungen Menschen einen Weg zu richten, wenn der schon im Strudel steckt und nach Luft schnappt und um Zukunft kämpft. Wundern Sie sich also nicht, dass meine wesentlichen Vorschläge die Zeit vor der Pubertät betreffen.

Welche Fundamente müssen gelegt werden? Welches Material muss wie geformt werden? Ich schlage folgendes vor:

Fundament : Die Anerkennung der Behinderung als Teil der Persönlichkeit.

Die Identität eines Menschen wird gebildet in der Kommunikation von Individuum und sozialem Kontext, in dem er lebt. Die bedeutendere Definitionsmacht hat die soziale Gruppe. Ab welchem Grad der Anweichung von der Norm ein Mensch als behinderter gilt, legt die so genannte öffentliche Meinung fest. Behindert-sein ist ein definierter sozialer Status. Behindert-sein gehört zu den gefürchteten Identitäten. Der Versuch, diesen Status einfach zu leugnen oder weg zu definieren, verwundert nicht. Mit einem trotzigen „Ich bin normal“, „Wir sind normal“ versuchen viele betroffene Systeme, der diskriminierenden Festlegung durch die Kultur zu entgehen. Das Wort Diskriminierung kommt aus dem Lateinischen und bedeutet dort „unterscheiden“.

Manchmal kann behinderten Systemen die Inszenierung von Normalität gelingen. Alle Beteiligten des inneren Erlebniskreises dann tun so, als sei die betreffende Familie normal, --- bis zum Zeitpunkt der Pubertät. Im Kampf um Anerkennung, Attraktion und Partner wird dem behinderten Menschen schonungslos gezeigt, dass er anders ist. Die Wucht der Diskriminierung trifft umso härter, je gelungener die Normalitätsmär bisher gelebt werden konnte.

Leichter haben es - in der Pubertät wie im gesamten Leben - die Kinder und Jugendlichen, die ihren sozialen Status schon in ihre Identität und die Identität ihrer Familie haben integrieren können. Sie können den unausweichlichen Diskriminierungen selbstbewusster begegnen. Denn Identität entsteht ja nicht nur durch die Definition der sozialen Gruppen. Das Individuum erarbeitet sein eigenes Image mit. Wie eine selbstbewusste und Achtung fördernde Einstellung zu sich selbst gefunden werden kann, muss im Einzelfall entdeckt werden. Eine Gleichung gilt jedoch: Je intensiver ich meine abweichenden Persönlichkeitsmerkmale achten kann, je beeindruckender kann ich auf diskriminierendes Verhalten reagieren.

Pädagoginnen und Pädagogen in den Institutionen Schule oder Wohnheim können dabei unterstützen. Sie können darauf achten, dass die Behinderung nie schlecht gemacht werden darf. Niemals ist die Behinderung der Feind. Formulierungen, man dürfe sich doch von seiner Behinderung nicht unterkriegen lassen, sind leider immer noch Rat-Schläge der brutaleren Art. Es gilt nicht die individuelle Behinderung zu bekämpfen, es gilt sie zu integrieren, sie anzuerkennen. Es kann pädagogisch gelingen die Verschiedenheit als individuelle Einzigartigkeit zu vermitteln. In der psychologischen Behandlung finden die folgenden Fragen oft eine erstaunlich positive Wirkung: „Was tut deine Behinderung für dich? Wo hilft sie dir? Wie hat sich dich zu einem wertvolleren Menschen gemacht?“ Mit ist meine Behinderung zu einer Freundin geworden. Nicht, dass ich mich immer gut mit ihr verstehe, aber missen möchte ich sie auch nicht mehr.

Fundament: Therapien dürfen nicht zu Kriegsschauplätzen werden

Physiotherapien, Logopädien, Ergotherapien oder Psychotherapien rechtfertigen sich durch ihr Heilungsversprechen. Sie setzen am Defizit an. Gerade den Therapeuten kommt eine große Rolle bei der Definition von Identität zu. Traditionell nörgeln sie an den Defiziten rum. Immer ist etwas nicht gut genug. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich aber auch Einstellungen etabliert, die nicht versuchen, die Defizite zu beseitigen, sondern die verbleibenden Fähigkeiten zu fördern. Das Ziel ist nicht, die Behinderung zu beseitigen. Ziel wird es, die Einschränkungen lebbar zu machen und mit den Einschränkungen selbstständiger leben zu können. Physiotherapie versucht nicht mehr, „eine Spastik weg zu machen“, sie sucht nach Wegen mit der Spastik die Lebensaufgaben bewältigen zu können. Logopädie konzentriert sich nicht nur auf Verbalität, sie bezieht alle Wege der Kommunikation in ihre Therapie mit ein, also auch nonverbale Sprache oder Kommunikationshilfsmittel. Ergotherapie lehrt nicht nur den Löffel selber zu führen, sondern auch den eigenen Körper zärtlich berühren zu können. Psychotherapie setzt keine Mittel mehr ein zu dämpfen, sie sucht in den Auffälligkeiten die Kreation und hilft, sie positiv zu formen.

Behinderung bedeutet immer, irgendwie eingeschränkt zu sein. Die Einschränkungen haben in der sozialen Kommunikation für das Individuum den sozialen Status „Behindert-sein“ ergeben. Das hat die individuelle Persönlichkeit immer entscheidend geprägt. Die pädagogische Kunst besteht nun darin, die Einschränkungen so gering wie möglich zu halten und die Identität als behinderter Mensch aber anzuerkennen. Psychotisches Verhalten etwa kann als Krankheit bekämpft werden oder als Eigen-ART verstanden werden, die so zu modellieren ist, dass sie für alle erträglich wird.

Brückenbau: Ausbildung zu Krisenmanagern, Leiden lassen.

Ein Leben als behinderter Mensch bringt nicht nur Spaß und Freunde sondern auch Leiden. Aber Vorsicht! Behinderung bedeutet nicht nur Leiden. Dennoch geraten behinderte Menschen im Durchschnitt häufiger in Krisen als nichtbehinderte. Das kann eine entscheidende Attraktion bei ihren Versuchen werden, eine Partnerin oder einen Partner zu finden. Partner werden nämlich nicht nur gewählt, um die eigene Anerkennung zu erhöhen oder um Sex zu haben. Sie werden auch gesucht, um besser durch dieses Leben zu kommen. Sicherheit ist eines der Überlebensinteressen. Jemanden zu finden, der oder die mit Krisen umzugehen weiß, krisenerfahren ist und Lösungen finden kann, ist Glück. So jemand ist attraktiv.

Leider wird behinderten Menschen zu oft der Konflikt im Vorfeld ausgeräumt. Es gibt in unserer Kultur einen seelischen Reflex, dem zu Folge behinderte Menschen, weil sie ja sowieso schon Leidende sind, kein zusätzliches Leid zugefügt werden darf. Im Gegenteil, jede und jeder sieht sich verpflichtet, das Leid des behinderten Menschen zu beseitigen und alles zu tun, dass keines entsteht. Leider auch manche Professionelle in Pädagogik und Therapie. An sie wird auch von außen der Anspruch herangetragen, Konflikte für die behinderten Kinder und Jugendlichen zu lösen, am besten, im Vorfeld zu verhindern. Gehen sie auf diese Anforderung konsequent ein, nehmen sie behinderten Menschen die Möglichkeit, an den Krisen zu wachsen. Moderne Pädagogik schafft es, abzuwarten, immer da zu sein, aber abzuwarten. Sie schafft es, das Leiden des behinderten Menschen auszuhalten, ihm Halt zu geben, Vertrauen zu bewahren, Kontakt zu wahren, aber Leiden lassen. Lösungen vorschlagen, mehr nicht, Trösten, Lösungen ausprobieren lassen. Finden lassen, bestätigen. So werden Brücken gebaut.

Der kulturell geprägte seelische Reflex der Leidvermeidung hat fatale Folgen gerade für pubertierende behinderte Jugendliche. Besonders in dieser Zeit werden nämlich üblicher Weise Beziehungen ausprobiert, spielerisch quasi, aber immer mit der großen Emotion. Trennungen sind häufig und Liebeskummer auch. Normaler Weise wird der Liebeskummer überstanden und in der rückblickenden Distanz sogar genossen. Das Leiden am Liebeskummer gehört zur Pubertät dazu. Offenbar aber nicht für behinderte Menschen. Mit ihnen kann Beziehung und kann Sex nicht ausprobiert werden. Von ihnen kann man sich nicht mehr trennen, denn das bedeutet Liebeskummer und Leiden. Dafür darf man nicht verantwortlich sein.

Da in den pädagogischen Zukunftsentwürfen für behinderte Menschen Beziehungen und Sexualität nicht vermutet werden, wird auch heute leider immer noch versucht, sie gar nicht mit diesen Themen in Berührung zu bringen. Gerade Schule flüchtet zu sehr in den Auftrag, für die kulturelle, mentale, kognitive Reifung des Schülers oder der Schülerin verantwortlich zu sein, allenfalls noch ein bisschen für die soziale – für die körperliche aber auf keinen Fall.

Der Mensch reift aber im als Ganzes, ob er nun behindert ist oder nicht.

Brückenbau: Attraktiv macht auch, was man hat.

Pubertät ist die Zeit, in der sich der junge Mensch nicht nur fragt, ob und welche Partnerin oder welchen Partner sie oder er bekommen wird. Es geht auch um die Frage, welchen Platz hält diese Gesellschaft für mich offen. Und Selbstverständlich bedingen sich die Antworten auf diese Fragen gegenseitig. Attraktiv macht nicht nur, was man ist und wie man ist. In der Pubertät wächst die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und vorausschauend zu denken. Schulversagen hat seine Beweggründe oft in negativ ausgefallenen Antworten auf die wesentlichen Fragen nach der Zukunft. Als wichtig wird gesehen:

1. ein regelmäßiges und mindestens grundsicherndes Einkommen,
2. die Selbstbestimmung über einen eigenen Wohnraum,
3. Verfügbarkeit über Verkehrsmittel,
4. Orientierung im kulturellen Raum.

Das ermöglicht Sicherheit, Intimität, Mobilität und Spaß, das ist attraktiv. Das bringt Vorteile im pubertären Konkurrenzkampf um die Partnerinnen und Partner, und gilt nicht nur für ein Leben außerhalb von Institutionen.

Sie fördern Behinderte, wenn es Ihnen gelingt diesen Menschen eine realistische Perspektive zu vermitteln auf ein solches Leben,
in dem sie sich auch mal was leisten können,
in dem sie sich mit Partner oder Partnerin und Sexualität ungestört zurückziehen können,
in dem sie auch mal jemanden besuchen fahren können
und in dem sie mal was untenehmen können.

Brücken können an vielen Orten gebaut werden.

Einrichtungen, die diese Kernvoraussetzungen bieten können, sind enorm wichtig, auch für behinderte Menschen, die in Familien aufwachsen. Diese Einrichtungen bieten eine begehrenswerte Alternative zum Elternhaus. Mit ihnen können sich behinderte Kinder und Jugendliche auch soziale Pubertät leisten, sie sind nicht mehr auf die Aufrechterhaltung einer symbiotischen Beziehung mit den Eltern angewiesen.
Sie können sich das Ausprobieren eigener Grenzen und Regeln auch im Konflikt mit den Eltern erlauben, die Ausbildung von Selbstbestimmung und erwachsener Identität. Also einen ganz übliche pubertäre Entwicklung, ohne ihre Lebenssicherheit zu verlieren. Das bedeutet ja nicht den Bruch mit den Eltern, aber die Neugestaltung von Beziehungen von der kindlichen hin zur erwachsenen Gestaltung.

Sonderschulen und Sonderpädagogik haben die einzigartige Lehrplan-Freiheit der individuellen Förderung. Für viele behinderte Menschen könnte das bedeuten, dass sie Fähigkeiten vermittelt bekommen, wie sie ein selbstbestimmtes Leben managen können, in einer Einrichtung oder vielleicht sogar in einer eigenen Wohnung mit Assistenz.

Sicher sind meine Forderungen, im Vorfeld der Pubertät die Fundamente früh schon zu setzen, eine Enttäuschung für alle Pädagoginnen und Pädagogen, die es in ihren Schulen und Wohnheimen schon mit pubertierenden Jugendlichen zu tun haben. Solche, die die Fundamente in mehr oder weniger gutem Zustand schon vorfinden. Welche Hilfen können sie noch geben?

Brückenbau: Eigene Verwicklungen reflektierend verstehen.

Wichtig finde ich es, die eigene Bedeutung und die eigene Verbundenheit immer wieder zu reflektieren. Der Mensch geht ein Risiko nur ein, wenn er oder sie sich sicher fühlen. Zuerst kommt das Interesse nach individuellem Überleben. Alle Risiken, die Verselbständigung mit sich bringt, werden vermieden, wenn es keine Grundsicherheit gibt. Der junge Mensch bleibt unselbstständig, fremdbestimmt und verzagt. Bei hoher Abhängigkeit scheint ihm das die einzige Möglichkeit sicher genug zu überleben.

Dann wissen er oder sie – natürlich unbewusst, dass sie nur über ihre Betreuerinnen und Betreuer ihre Bedürfnisse befriedigt bekommen können. Nichts passiert, was dieses Personal nicht aushalten kann. Die Aufmerksamkeit der behinderten Betreuten richtet sich darauf, was nötig ist, damit die Betreuerin oder der Betreuer ihnen gewogen und verbunden bleibt. Strategien der Bindung werden notwendig, wenn nicht im Guten dann durch Aggression und andere Ärgernisse.

Brückenbau: Das Thema Sexualität aushalten.

Symbiotische Verhältnisse sind nicht immer von Übel, aber wissen sollten die Beteiligten davon. Reflektion ist notweniger Bestandteil jeder pädagogischen Tätigkeit, am besten in der Form der Supervision. Besonders wichtig wird das beim Thema Sexualität. Hier kann der Pädagoge, kann die Pädagogin nie professionell distanziert bleiben, wie bei anderen existenziellen Bedürfnissen, wie etwa Hunger oder Schlaf. Immer sind auch die Fachleute als sexuelle Wesen verwickelt, mit all ihren Ängsten und Fixierungen. Zu sehr kann Sexualität die eigenen Sicherheitsbedürfnisse bedrohen. Sexualität sucht das Risiko, ist Risiko, ist Kontrollverlust und Lust.

Für behinderte Menschen, die auf nicht behinderte Menschen angewiesen sind, wird sexuelles Erleben nicht nur durch eigene Begrenzungen geprägt, sondern auch durch die Grenzen des pädagogischen Personals. Aber genauso gilt: Die Sexualität behinderter Betreuter wird nicht nur durch ihre eigenen Fähigkeiten gefördert, sie kann gefördert werden durch die Kompetenzen der professionellen Pädagoginnen und Pädagogen. In den vergangenen fünf Jahren hat sich die moderne Pädagogik dem Thema Sexualität in bemerkenswerter Weise zugewandt. Eine Vielzahl von Kongressen hat Vor- und Nachteile sexueller Unterstützung durch Pädagogik und Psychologie durchdacht. Das ist ein bedeutender Fortschritt, wenn auch Erfolge erst erzielt werden, wo neue hilfreiche Erkenntnisse auch im pädagogischen Alltag ankommen. Das ist hier und da schon der Fall. Leider warten Hormone nicht, bis der pädagogische Fortschritt sich überall durchsetzt. So werden noch viele Probleme produziert werden müssen, bis genügend Leidensdruck neue Qualitäts-Standards in den pädagogischen Alltag einführen wird.


Brückenbau: Die Rollenverteilung während der Pubertät einhalten.

Reflektion ist notweniger Bestandteil pädagogischen Erfolges. Dabei lautet eine Frage immer wieder, welche Rolle das pädagogische Personal einnehmen soll, um behinderte Jugendliche gerade vor den Stromschnellen und Untiefen der Pubertät zu bewahren.

Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen haben es bei ihrer Rollendefinition oft leichter. Sie haben den gesellschaftlichen Auftrag, Kulturtechniken zu vermitteln.
Sie kümmern sich um die kognitive Entwicklung des jungen Menschen. Sie sind Verbündete des Kulturinteresses am Pubertierenden. Sie haben dabei auch zu bewerten und zu beurteilen.

Erziehende und Betreuende in den Wohneinrichtungen haben es da schon schwerer. Ihre Rolle als Bezugsbetreuer legt Beziehung nahe. Oft ist es sogar Ziel einer Wohngruppe eine familiäre Atmosphäre zu gestalten. Dabei erhalten die Pädagoginnen und Pädagogen Ersatzfunktionen anstelle der mehr oder weniger beteiligten Eltern. In Zeiten der Pubertät erleben sie damit selbstverständlich auch die sich widersprechenden Aufträge, die sie vom pubertierenden Menschen erhalten. Einerseits sollen sie Sicherheit und Geborgenheit aufrechterhalten, andererseits sollen sie Repräsentanten der Erwachsenenwelt sein, an deren Regeln eigene Kräfte, Ziele und Lebensvorstellungen sich reiben sollen. In dieser Zeit wissen die Pubertierenden selber nicht genau was sie wollen. Umso schwieriger ist das in Einrichtungen, in denen Selbstbestimmung beherrschender Bestandteil des Leitbildes ist. Ständig sollen die Jugendlichen irgendwelche Entscheidungen treffen. Was aber wollen sie eigentlich?
Die schöne alte Geborgenheit,
das bequeme und gewohnte Versorgt-Werden,
das Über-die-Strenge-schlagen, das in der Peer-Group so gut ankommt,
die Anerkennung aufgrund von eigener Leistung,
so werden wie die Erwachsenen?

Sie schwanken wie auf einer Seilbrücke hin und her. Sie verwirren sich und das Personal. Es gäbe Sicherheit, wenn in diesen Entwicklungen zumindest die Betreuerinnen und Betreuer wissen würden, welche Rolle sie haben. Sie sind weder Brüder noch Schwestern der Pubertierenden, sie sind auch keine Peers, allenfalls Elternersatz, aber auf jeden Fall Vertreter der Erwachsenen-Welt. Das Personal hat dazu vom Arbeitgeber bestimmte Aufträge bekommen, nämlich Ordnung, Ruhe, Förderung und Anpassung an die Regeln der Institution in Einklang zu bringen. Sie haben die Regeln der Erwachsenenwelt zu vertreten und sind dabei souverän genug, die Regelverletzung als notwendigen Bestandteil pubertären Erlebens zu betrachten. Die Regelverletzung ist nie einfach bösartig, oder ein persönlicher Angriff gegen die spezielle Pädagogin oder den speziellen Pädagogen. In der Regelverletzung bildet der junge Mensch sich aus. Das ist in den Einrichtungen behinderter Menschen nicht anders als in Familien. Konsequenz und Einheitlichkeit in den Reaktionen der Teams geben Orientierung. Der junge Mensch muss um die Konsequenzen seines Handelns wissen und diese Konsequenzen mitunter aushalten. Für den Professionellen bedeutet das, Leiden auch aushalten zu können. Krisen und Konflikte, die fördern können. Immer jedoch sollten die Sanktionen Entwicklungschancen zum Ziel haben.


Ob ihr Verhalten hilfreich war für den jungen Menschen, das sehen Eltern leider immer erst mit Gewissheit im Nachhinein, wenn es ihren Kindern gelungen ist einen eigenen Platz zu finden in der Gesellschaft, in Beziehungen, aus denen sie Anerkennung bekommen und natürlich auch sexuelle Befriedigung. Wie den Eltern geht es auch allen therapeutisch und pädagogisch arbeitenden Menschen. Im Nachhinein sehen sie, wo sie wirklich hilfreich waren und wo sie Fehler gemacht haben. Der Zwang aber, sich keine Fehler zu erlauben, ist immer schon einer. Die eigenen Kinder, genau wie die betreuten Jugendlichen sind viel nachsichtiger mit uns, als wir glauben. Sie wissen mit der Zeit, dass ihre eigene Pubertät auch für uns immer wieder eine schwierige neu Identitätsbestimmung bedeutet. Wenn sie nur unser ehrliches Interesse an ihrer Entwicklung gespürt haben.

Und im Nachhinein sollten wir uns noch eingestehen, dass unser Bild von der Pädagogik als Brücke nur begrenzt taugen kann. Denn Brücken bestehen aus festem Material, das geformt werden kann und irgendwann fertig ist. Seele aber ist ein dynamischer, letztlich unfassbarer Prozess verschiedener Interessen und Tendenzen in einer sich ständig selbst neu gestaltenden Welt. Und Seele ist viel verletzbarer als Beton und Stahl, und Holzköpfe gibt es nicht.

 

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Stand: 13. Dezember 2009