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Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter

                                   

 

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Sexualbegleitung - Fachmagazin SEXUOLOGIE

Sexualbegleitung für geistigbehinderte Menschen

Kapitel 1. Selbstbestimmt Leben

Seit 1986 haben in den deutschen Großstädten behinderte Menschen Beratungszentren nach amerikanischem Vorbild eröffnet. Durch die konnten sie ihre Kompetenzen in sozialrechtlichen Fragen an andere behinderte Menschen und deren Angehörige weitergeben.

Die Gründungsaktivitäten wurden in den USA, Japan, Australien und Europa beobachtet. Die Protagonisten sammelten sich im „Independent-Living-Movement“.
In der us-amerikanischen und europäischen Pädagogik haben die Inhalte, die mit dieser Bewegung verbunden werden, einen prägenden Eindruck hinterlassen: Selbstbestimmung, Empowerment, Peer-Support, ambulante Assistenzdienste, Dezentralisierung von stationären Einrichtungen. Die Selbstbestimmung behinderter Menschen ist heute nicht nur zentrales Ziel der wissenschaftlichen Pädagogik sondern auch Kern der broschierten Leitbilder institutioneller Behindertenarbeit. Die pädagogische Praxis in den Wohnheimen und Werkstätten für behinderte Menschen ist allerdings in den seltensten Fällen schon in der Lage, die wissenschaftlichen Normen zu erfüllen.

1994 wurde eine Beratungsstelle dieser Bewegung gegründet, die dem Bedarf an psychologischer Beratung und Psychotherapie entsprach, der sich immer wieder in den Zentren für selbstbestimmtes Leben zeigte. Anders als bisher üblich wurde diese Beratungsstelle in einem Dorf angesiedelt und umfassender als Lehrinstitut aufgebaut: Das „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ in Trebel, im Osten Niedersachsens. Den Peer-Counseling-Prinzipien entsprechend ist der leitende Psychotherapeut des ISBB selber behindert.

Der Nachfrage entsprechend hat sich der Schwerpunkt der Beratung zu Fragen nach Sexualität und Partnerschaft behinderter Mensch konkretisiert. Da in der Beratung dem Thema Sexualität offen und offensiv begegnet wurde, ist das ISBB heute eine Sexualberatungsstelle, die auch Fragen zu anderen Themen beantwortet.

Kapitel 2. Sexualbegleitung des ISBB

Es entspricht der Tradition der Bewegung, sich in Selbsthilfegruppen und Workshops zu finden. So wurden in der ISBB-Sexualberatungsstelle neben dem klassischen Beratungsangebot Erotik-Workshops organisiert. Dort trafen sich zunächst körperbehinderte Männer. Diesen Anfängen folgten drei parallele Gruppen aus körperbehinderten Frauen und Männern und eine für „Menschen aus Wohnheimen und Werkstätten“. Letzteres ist eine Umschreibung für lern-, geistig- bzw. psychisch behinderter Menschen, von denen sich einige nicht als Behinderte bezeichnen lassen wollen. Die einzelnen Gruppen treffen sich alle halbe Jahre in Trebel. Ihren Kern bilden statistisch 6 Behinderte, die bei Bedarf mit ihren Assistenzkräften anreisen. An den Wochenenden sind auch stets zwei Sexualbegleiterinnen anwesend und falls gewünscht ein Sexualbegleiter. Alle wurden im ISBB ausgebildet.

Die Sexualbegleiterinnen kommen aus der Prostitution oder haben bisher als Krankenschwester oder Ergotherapeutin gearbeitet. Der Sexualbegleiter war Goldschmied. Sie bieten Sexualdienstleistungen gegen Geld an und sind somit bei uns als Prostitutierte tätig. Wir haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass die Regeln und Einstellungen der klassischen Prostitution sich mit unseren Zielen oft nicht vereinbaren lassen. Darum bilden wir in einer Art Supervision die Interessierten nach unseren Bedürfnissen weiter. Das Ergebnis macht den Unterschied von Sexualbegleiterinnen und klassischen Prostituierten aus.

1. Wir vermitteln einen Begriff davon, was Emanzipation Behinderter bedeutet. Die Sexualbegleiterinnen sind nicht Helferinnen, die etwas für Behinderte tun. Wir bleiben die „Experten in eigener Sache“. Sie helfen uns, reflektiert Erfahrungen zu machen. In unserem Bestreben nach Wiederaneignung unserer Körper sind sie uns eher Medium, nicht Therapeutinnen.

2. Krise ist etwas Hilfreiches. Krisen, durch die wir (notfalls durch Beistand) konstruktiv uns heraus entwickeln, stärken unsere Persön-lichkeit. Empowerment durch Liebeskummer etwa. Behinderung ist nicht gleich Leiden, und Sexualbegleiterinnen sind nicht verantwortlich dafür, dass das verbleibendes Leiden abnimmt. Manchmal müssen sie es sogar erhöhen, wenn sie zum Beispiel in der Begleitung ehrlich Stellung zum Kunden nehmen, statt – wie in der klassischen Prostitution üblich - Illusionen zu verkaufen.

3. Hilfestellungen und andere Angebote sollen erst gegeben werden, wenn der Hilfebedürftige darum nachfragt. Das sind die meisten behinderten Menschen gar nicht mehr gewohnt und die nichtbehinderten Sexualbegleiterinnen auch nicht.

4. Bezahlt wird vom Kunden in bar ohne weitere erwartete Dankbarkeit.

5. Jede einzelne sexuelle Dienstleistung kostet gleich viel. Es gibt keinen Unterschied in der Wertigkeit von Streicheln oder Koitus. Der Koitus wird aus dem Angebot nicht ausgeschlossen, damit seine bisherige oft erdrückende Dominanz nicht bestärkt wird. Der Koitus ist ein besonderes Erlebnis, aber auch ohne ihn ist Sexualität wertvoll und vollwertig.

6. Die Sexualbegleiterinnen kommen zu den Wochenenden als Teilnehmerinnen. Sie geben sich auch mit ihren Persönlichkeiten in den Gruppenprozess ein. Sie beteiligen sich allerdings nur auf Wunsch der Behinderten an den Selbsterfahrungs-Sitzungen des Wochenendes.

7. Bei der Sexualbegleitung geht es nicht nur darum, Sexualität zu erleben. Das ISBB ist kein Bordell und kein Pizzadienst. Es ist nicht das Ziel, dass ein hungriger Kunde wieder kommt, wie in der klassischen Prostitution. Er soll unterstützt werden, sich eine erotische Beziehung in seinem Alltag aufzubauen.

8. Es gilt nicht, die jeweiligen individuellen Einschränkungen zu therapieren. Die Behinderung ist nicht der Feind, der zu bekämpfen oder zu überwinden ist. Sie soll als konstitutioneller Teil der Persönlichkeit angenommen werden, um mit den Einschränkungen sich selbstbewusst in eine Partnerschaft einbringen zu können.

9. Die individuellen Einschränkungen sind gegeben. Im Kommunikations-prozess des Individuums mit seiner sozialen Umwelt wird daraus die Behinderung. Durch den Kommunikationsprozess entsteht die Identität des jeweiligen behinderten Menschen. Die Behinderung wird darum ein wertvolles Merkmal dieser Identität.

Die Ausbildung der Sexualbegleiterinnen besteht also weniger aus Wissensvermittlung. Viel mehr soll durch reflektierte Erfahrungen eine uns angemessene Haltung entstehen. Einstellungsänderungen sind Lernerfolge.

Kapitel 3. Die Auffassung von Sexualität im ISBB

Die psychologische Theorie, nach der im ISBB gearbeitet wird, hat sich aus der systemischen Schule psychoanalytischer Prägung entwickelt. Drei bedeutende Überlebensinteressen (Systeme) haben Einfluss auf das individuelle seelische Gefüge: Individualinteresse, Gattungsinteresse und Kulturinteresse. Das Überlebensinteresse des Individuums ist direkt mit der Existenz des Organismus verbunden. Die Systeme Gattung und Kultur haben im Laufe der Phylogenese direkte seelische Beweggründe etablieren können: Hormone und Erzieher. Erziehung ist ein Kommunikationsprozess, in dem der Mensch Halt, Orientierung und Sicherheit erhält. Er trägt dafür die Kultur in die nächste Generation fort. Sexualitätsfördernde Hormone erzeugen Lust und sorgen damit nach wie vor für Fortpflanzung.

Sexuelle Probleme entstehen, da Partnerschaft und Sexualität im Interesse verschiedener dieser existenziellen Systeme stehen. Die Interessen wirken im Konfliktfalle gegeneinander: Sicherheit und Risiko.

Das Modell macht es möglich, den deutlichen Vorrang des Sicherheitsinteresses zu erkennen.

Kaptel 4. Sexualität geistig behinderter Menschen

Der Rahmen dieser Ausarbeitung legt nahe, sich auf eine der Zielgruppen zu konzentrieren. Ich will hier unsere Arbeit mit geistig Behinderten näher erläutern.
Geistig behinderte Menschen haben in der Regel ihre höhere Lebensunsicherheit erfasst. Sie sind auf unterschiedliche Weise mit einigen lebenswichtigen Fähigkeiten weniger oder nicht begabt. Dafür haben sie zumeist andere Potenziale. Sie sind etwa Meister der nonverbalen Inszenierung, während es ihnen an verbalen Kommunikationsmöglichkeiten mangelt. Sie stellen sich in bemerkenswerter Weise auf ihre Lebensbedingungen ein. Sie sichern ihr Leben, in dem sie sich enger und länger an Betreuungspersonen binden und binden diese wiederum an sich selber. Dabei bleiben sie keine Kinder. Die Auswirkung einer geistigen Behinderung an ein Intelligenzalter zu messen, sehen wir im ISBB als einen fatalen Fehler wissenschaftlichen Herangehens. Die individuellen Einschränkungen lassen sie zu Erwachsenen ganz einzigartiger Prägung werden. Von der Ähnlichkeit ihrer Realitäten mit der Konsensrealität kann viel weniger ausgegangen werden als zwischen nicht behinderten Menschen. Um erkennen zu können, was das jeweilige Individuum denn nun selbstbestimmt will, muss ich mir die Mühe machen, ähnlich einem Ethnologen, in die jeweilig einzigartige Welt eingelassen zu werden und diese vorsichtig, Würde wahrend, dankbar und zunächst unwissend zu erforschen. Von grundsätzlichen Ähnlichkeiten kann ich ausgehen, mehr aber auch nicht. Gleichzeitig bin ich gut beraten, mehr auf nonverbale Kommunikation zu achten und diese verstehen zu können.

Leider liegt hier ein großes Versäumnis in der Ausbildung des pädagogischen Personals durch die (Fach-)Hochschulen. So kommt es, dass in den stationären Einrichtungen viel Ratlosigkeit herrscht und letztendlich intuitiv gehandelt wird, also auf Grund von Konzepten, die der allgemeinen Lebenserfahrung entstammen. Das ist nicht in jedem Falle schlecht, sollte aber wünschenswerter Weise mehr durch Überprüfung der Auswirkungen kontrolliert werden. Da fehlt es noch an praxisnahen Theorien und Methoden.

Das ist umso beklagenswerter, je enger die Bindung des jeweiligen Pädagogen mit dem oder den behinderten Menschen seines Arbeitsumfeldes ist. Diese Bindung geht zumeist von den behinderten Menschen aus. Sie haben Kompetenzen der Umweltkontrolle an ihre Betreuer delegiert und sorgen sich nun um diese Betreuer. Sicherheit und Selbstbestimmung erhalten sie so über die Bindung ihrer Vertrauenspersonen (Bezugsbetreuer) an sich. Die Auffassung des ISBB bedeutet also, auch geistig Behinderte als - vor allem unbewusst -höchst aktive und kommunikative Menschen zu betrachten. Im Gegenzug handeln sie in der Außenwelt nicht ohne den ausdrücklichen oder zumindest vermuteten Willen ihrer Betreuungspersonen.

Selbstbestimmung geistig Behinderter ist nur zu erkennen, wenn Wille aus dem Funktionieren eines Systems heraus gedacht wird. Leider sind die Lebensbedingungen mancher behinderter Menschen so ungünstig, dass Selbstbestimmung nur über das Problem zu erreichen ist. Haben geistig Behinderte erkannt, dass das Personal sich lediglich um die Herstellung von Ruhe und Ordnung kümmert, werden auch schon mal Probleme erzeugt. Sehr wirkungsvoll sind Aggression. Pädagogen, die überhaupt nicht verstehen wollen oder können, bekommen die Inszenierungen der Kommunikation auch schon mal lauter, störender. Selbstverständlich sind hier keine Prozesse bewusster Berechnung beschrieben.

In die Beratungssequenzen werden im ISBB immer dann, wenn die behinderten Ratsuchenden das wollen, Betreuer mit einbezogen. Manchmal wählen sich behinderte Menschen eher zu den Co-Therapeuten, die den Betreuer mit beraten und ihn eigentlich nur in die Therapie bewegt haben. Sie sorgten sich um ihn und damit um sich.

Die Sexualität der Betreuten stellt einen Bereich, dem Pädagogen in den seltensten Fällen unbeschwert begegnen können - wie anderen Bedürfnissen, etwa Hunger, Durst, Schlaf, Wärme, Anerkennung, Gesundheit, Freizeitspaß. Auch für sie hat Sexualität eine Wirkung, die ihre Lebenssicherheit bedrohen kann und zusätzlich mit störenden moralischen Einschränkungen verbunden ist. Das erschwert nicht nur die Sexualberatung. Aber es hilft nichts: Ohne ihre Bereitschaft zu offenen, unbeherrschbaren Risiken ist auch für den betreffenden behinderten Menschen sexuelle Erfüllung nicht möglich.

Immer häufiger jedoch gelingt es Pädagoginnen und Pädagogen, diese Bereitschaft einzubringen. Sie haben aufgehört, Sexualität aus ihrem beruflichen Erkennen auszuschließen. Nur dadurch konnte es überhaupt zu einer Nachfrage nach Sexualbegleitung kommen.

Sie sind es auch, die den Erstkontakt zum ISBB herstellen. Oft beschreiben sie die sexuellen Bedürfnisse des behinderten Ratsuchenden noch nach dem Dampfkesselprinzip. Er stehe unter Druck und der Kontakt mit einer Sexualbegleiterin könne ihm diesen Druck nehmen. Sie wollen auch gleich mehrere Termine buchen, auf Grund ihrer Vermutung, dieser Druck käme immer wieder und könne nur durch Sexualbegleitung entweichen. Eine Sexualberatung vor der Sexualbegleitung kann da hilfreich sein.

Sie erkennen dann, dass Sexualität, wie wir sie verstehen, das Ausleben erotischer Geschichten ist. Auch in solchen Inszenierungen können es geistig behinderte Menschen zu überwältigenden Werken bringen.

Der Koitus ist auch bei ihnen ein Teil der Geschichte, nicht immer der Höhepunkt. Es war für die Sexualberaterinnen nicht immer leicht, Erfolg auch in einem Date zu sehen, in dem zum Beispiel der geistig Behinderte nicht durch Handanlegen befriedigt werden wollte, sondern eine Stunde lang nur in der Ecke saß und erotische Nacktheit genoss.

Geistig behinderte Menschen, besonders Frauen, sind weniger am erotischen Risiko interessiert, mehr an der Herstellung von Sicherheit. Einen Lebenspartner, einen richtigen Freund zu haben, ist ihnen wichtiger. Geistig behinderte Frauen kommen daher auch nicht in die erotischen Workshops des ISBB. Die Teilnehmer unseres hier beschriebenen Workshops sind geistig-, psychisch- bzw. lernbehinderte Männer, die zu dem alle grundlegende soziale Kompetenzen haben. Sie können nicht alle verbal kommunizieren, sich aber in ihrer Umwelt ausreichend orientieren.

Den Männern in den Workshops, aber mehr den Männern in der klassischen Sexualberatung fehlt oft eine realistische Einschätzung ihrer möglichen Sexualpartnerinnen. Sie inszenieren in ihren sexuellen Phantasien erotische Erlebnisse mit den Mitarbeiterinnen ihrer Einrichtung und vor allem mit den jungen und schönen. In ihren Phantasien sind sie erfolgreich. Sie meinen, „im richtigen Leben“ nur noch nicht der passenden Frau begegnet zu sein. Alle die sie fragen antworten, sie seien ja schon verheiratet oder hätten zurzeit kein Interesse an einem Mann, fühlten sich noch zu jung oder dürften aus arbeitsrechtlichen Gründen mit einem Bewohner gar keine Beziehung haben. In der Supervision bedauern die gleichen Mitarbeiterinnen, der Betreffende sei gar nicht offen für die Partnerschafts-Angebote der behinderten Frauen in den Werkstätten und Wohnheimen.

Wie bei allen Menschen ist das Gattungsinteresse eugenisch und beginnt bei den Jungen, Gesunden und Schönen. Im Laufe der Pubertät und des weiteren Erwachsen-werdens erfahren wir im Wechsel der Ablehnungen und Erfolge, welcher Partner zu uns passt. Uns werden Enttäuschungen und Liebeskummer zugemutet. Wir lernen daraus. Geistig Behinderten wird Kummer nicht überlassen, da sie als Leidende definiert werden, deren Leid zu vermindern, niemals aber zu vermehren ist. Statt ihnen Krisen zu gönnen, aus denen sie mit Hilfe erfahren und gestärkt heraus kommen können, werden Ausflüchte genutzt. Sie hören, eben nur zurzeit Pech zu haben.

Sexualbegleiterinnen haben gelernt, ehrlich zu sein, gegen den auch bei ihnen wirkenden kulturellen Reflex.

Kapiel 5. Wünsche an den hilfreich wirkenden Therapeuten.

Therapeutisch arbeitenden Kräften in der Sexualberatung werden die Bedürfnisse behinderter Menschen vermehrt zum Beratungsgegenstand. Es ist ein großer Fortschritt, keine hemmenden Medikamente mehr einzusetzen. Die offenere Gestaltung der Lebensbedingungen und die Einstellungen des Personals in der ambulanten und stationären Arbeit sind die hilfreicheren Ansatzpunkte. Sich auf nonverbale Kommunikation zu verstehen, ist Voraussetzung für die Behandlung von Behinderungen mit geistigen und psychischen Einschränkungen bzw. Lernbeeinträchtigungen. Es ist nicht die Aufgabe der Therapie, Krisen und Leiden im Vorfeld zu verhindern oder zu bewältigen. Ihr Ziel sollte es sein, den Menschen zu befähigen, sich durch Krisen und Leid konstruktiv zu entwickeln. Dazu brauchen solche Erfahrungen überhaupt nicht provoziert zu werden. Es ergeben sich für Behinderte ohnehin genug. Krisenerfahrenheit kann im Bemühen um Partnerschaft sogar eine Attraktion werden.

Sexualbegleitung kann als eine Möglichkeit genutzt werden, sich selber zu erfahren und sicherer im Bemühen um erotisches Erleben zu werden.

Zusammenfassung

Der Beitrag beschreibt einen neuen Ansatz in der Sexualberatung geistig behinderter Menschen, entstanden aus der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung Körperbehinderter und aufgebaut auf den Prinzipien dieser Bewegung: Selbstbestimmung, Empowerment, Peer-Support, ambulante Assistenzdienste etc. Diese Sexualberatung schließt die Mitarbeit von Sexualbegleiterinnen ein. Sie bieten Sexualerfahrungen gegen Bezahlung an. Dabei wird auf deutliche Unterschiede zur klassischen Prostitution Wert gelegt. Ziel ist nicht die schnelle Befriedigung des Kunden. Dem behinderten Mensch soll die Gelegenheit geboten werden, seine Persönlichkeit zu stärken und sich zu attraktivieren.


Dipl.-Psych. Lothar Sandfort (54) ist Leiter des Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter. Er ist selber seit über 30 Jahren behindert (Paraplegie), verheiratet, hat drei Kinder (14, 14, 11). Er arbeitet therapeutisch innerhalb des ISBB in Trebel und in Berlin. Dort in der psychologischen Praxis Ron Coon. Verschiedene Veröffentlichungen, zum Beispiel: „Hautnah“ erschienen im AG SPAK Verlag, Neu-Ulm.


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Stand: 13. Dezember 2009